Schneller Lernen durch die aktive Verknüpfung mit Vorwissen. Ein Beispiel

Verknüpfung mit Vorwissen

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Wie im vorhergehenden Artikel erwähnt, ist Vorwissen das wichtigste Kriterium für den Lernerfolg. An zweiter Stelle liegt Intelligenz und an dritter Stelle Motivation.

Wenn Vorwissen so wichtig ist für erfolgreich Lernen, dann müssen Lernmethoden, mit denen neue Lerninhalte aktiv und Sinn-erfüllt mit Vorwissen verknüpft werden, besonders lernfördernd sein.

Folgendes Beispiel macht deutlich was mit aktiv und Sinn-erfüllt gemeint ist. Ebenso wird hier deutlich, dass diese Methoden sehr hilfreich sein können, um schnell und erfolgreich zu lernen.

Mühsames Pauken und Büffeln

Nehmen wir an, wir müssten für eine Prüfung die Namen aller Deutschen Bundeskanzler lernen. Die Lernmethode der meisten Menschen besteht darin, die Namen in der Reihenfolge aufzuschreiben und diese Liste häufig zu wiederholen (Pauken / Büffeln).

  1. Konrad Adenauer
  2. Ludwig Erhard
  3. Kurt Georg Kiesinger
  4. Willy Brandt
  5. Walter Scheel (9 Tage im Amt, nach Rücktritt von Willy Brandt und vor Neuwahl von Helmut Schmidt)
  6. Helmut Schmidt
  7. Helmut Kohl
  8. Gerhard Schröder
  9. Angela Merkel

Der Lernerfolg dieser Lernmethode hängt weitestgehend von der Anzahl der Wiederholungen und der Gabe des Auswendiglernens ab.

Die Wahrscheinlichkeit, dass die Wiederholungen als lästig empfunden werden, ist hoch. Wenn etwas als lästig empfunden wird, sinkt die Motivation. Wenn die Motivation sinkt, steigt die Zeit, die aufgebracht werden muss, um das Lernziel zu erreichen.

Ebenfalls ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass der Lerninhalt nach der Prüfung schnell wieder vergessen ist, weil er nicht gut genug im Langzeitgedächtnis verankert wurde. Im schlechtesten Fall gibt man vorzeitig frustriert auf.

Schneller lernen durch die Aktive Verknüpfung mit Vorwissen

Die aktive Verknüpfung mit Vorwissen beschränkt sich nicht auf trockene Wiederholungen. Die Frage die man sich aktiv (bewusst) stellt, ist: An was erinnert mich der Lerninhalt und warum?

Schritt 1: Anker werfen: An was erinnert mich …?

  1. Adenauer: Adler / Ader / Adelig / genau / …
  2. Erhard: erhaben sein / …
  3. Kiesinger: Kies / Kiss (die Rockband) / …
  4. Brand: (Wald-)Brand / Brennen / …
  5. Scheel: Schälen / Schale / schielen / Schal / …
  6. Schmidt: der Schmid / …
  7. Kohl: Blumenkohl / Chinakohl / Kohle / Kohl / …
  8. Schröder: Schrott / Schreddern / …
  9. Merkel: merken / …

Zeitaufwand: 2 Minuten

Schritt 2: Wissensnetz spannen

Nun gilt es diese Verknüpfungen miteinander in Beziehung zu bringen. Dies gelingt in unserem Fall sehr gut indem eine Geschichte daraus gemacht wird. Zum Beispiel:

Ein Adeliger sitzt erhaben auf einem Kieshaufen und beobachtet in der Ferne einen Waldbrand. Er schielt zum Nachbartisch. Dort sitzt ein Schmid. Auf seinem Teller liegt ein Kohl. Der Kohl ist in 1000 Stücke zerschrödert. Diese Geschichte kann ich leicht aus dem Gedächtnis angeln und mir gut merkeln.

Zeitaufwand: 5 Minuten

Durch die aktive Suche nach Verknüpfungen und das Verbinden dieser Verknüpfungen untereinander, wird ein Netz gesponnen und an vielen Stellen im Gedächtnis verankert.

Die Wahrscheinlichkeit, dass der Lerninhalt in diesem Netz ‚gefangen‘ bleibt ist wesentlich höher, als wenn Vorwissen nicht aktiv (bewusst) genutzt wird.

Schritt 3: Aktiv Wiederholen mit der Sinnfrage: ‚Warum?‘

Natürlich muss ein Netz auch gepflegt werden. Gepflegt wird ein Fischernetz zum Beispiel indem es untersucht und repariert wird.

Damit neue Lerninhalte langfristig im Gedächtnis bleiben, muss das Netz, das Neues beinhaltet, zeitnah und häufig untersucht werden.

Die Geschichte wird also wiederholt und die Verknüpfungen werden überprüft mit der Sinnfrage: ‚Warum?‘ Warum Adeliger? Warum Kieshaufen? Warum Waldbrand? etc.

Wenn festgestellt wird, dass eine Verknüpfung nicht zum erwünschten Lerninhalt führt, muss das Netz ‚repariert‘ werden. Eine ergänzende oder stärkere Verknüpfung muss her.

Wiederholungen werden auf diese Weise wesentlich einfacher, interessanter, effektiver und, ganz wichtig, weniger zeitintensiv.

Für die Wiederholungen ist man nicht auf einen Schreibtisch angewiesen. Lerninhalte können ’nebenher‘ wiederholt werden (während dem Duschen, Kochen, Bus fahren, Zug fahren, etc.)

Das Sinn-erfüllte Verknüpfen mit Vorwissen. Eine Erklärung

Die Entscheidung das Wort Sinn-erfüllt zu wählen statt sinnvoll, hat damit zu tun, dass die Verknüpfungen, die einem spontan einfallen (und die am stärksten sind), nicht unbedingt sinnvoll sind.

Einen Kieshaufen mit Kiesinger zu verbinden ist nicht besonders sinnvoll. Diese Verknüpfung füllt aber unseren spezifischen Lerninhalt mit Sinn.

Dieser Unterschied mag vielleicht nicht sofort einleuchten. Man darf gerne auch anderer Meinung sein.

Hiermit sei lediglich darauf hingewiesen, dass man häufig keine oder nur schwache Gedächtnisanker findet, wenn man versucht, nur sinnvolle Verknüpfungen zu machen.

In der Praxis hat es sich bewährt, jede noch so bereichsfremde oder verrückte Verknüpfungsidee aufzugreifen.

Sollten sich diese Ideen als ungeeignet erweisen, wurde trotzdem gelernt. Denn, um herauszufinden ob eine Idee geeignet ist oder nicht, muss man sich intensiv mit dem Lerninhalt beschäftigen. Dies bedeutet elementar Lernen.

Grundlegend kann zusammengefasst werden

  • Die aktive Verknüpfung mit Vorwissen ist das bewusste Suchen nach Erinnerungsanker, das Spannen von Erinnerungsnetzen und das aktive Wiederholen mit der Sinnfrage: ‚Warum?‘

  • Verknüpfungen müssen nicht bereichsspezifisch sinnvoll sein, sondern lediglich den Lerninhalt mit Sinn-erfüllen.

  • Durch die aktive und Sinn-erfüllte Verknüpfung mit Vorwissen kann das Lernen nicht nur interessanter und nachhaltiger gestaltet werden. Diese Lernmethode ermöglicht auch ein schnelleres Verankern der Lerninhalte im Langzeitspeicher.

Inhaltliches Begreifen durch aktive Verknüpfung mit Vorwissen erleichtern

Dies war ein Beispiel wie man Fakten mit Hilfe von bereichsfremdem Vorwissen schneller und erfolgreicher lernen kann.

Ein weiteres Beispiel aus meiner Unterrichtspraxis zeigt, dass die Lernmethode Neues aktiv mit Vorwissen verknüpfen auch das inhaltliche Begreifen von komplexeren Zusammenhängen einfacher machen kann.

Nachschlag gewünscht?

Wer für den einen oder anderem Vornamen einen Gedächtnisanker braucht, kann die Geschichte ergänzen:

Aus einer Konservendose steigt ein Adeliger. Er lutscht erhaben einen Lutscher. Seine Kutte übergibt er Georg und schlüpft in einen Kieshaufen. In der Ferne beobachtet er einen wilden Waldbrand. Plötzlich zieht er seine Walther (Pistole) und schielt zum Nachbartisch. Auf einem Helm sitzt ein Schmid. Auf dem Tisch liegt ein weiterer Helm voll mit Kohle. Die Kohle ist in gerade Fetzen zerschröddert. Diese Geschichte kann ich leicht aus meinem Gedächtnis angeln und mir gut merkeln.

  1. Konrad Adenauer
  2. Ludwig Erhard
  3. KurtGeorg Kiesinger
  4. Willi Brandt
  5. Walter Scheel
  6. Helmut Schmidt
  7. Helmut Kohl
  8. Gerhard Schröder
  9. Angela Merkel

Ein Wissensnetz (Geschichte) kann auf diese Art beliebig erweitert werden. Um die Parteizugehörigkeiten zu verdeutlichen, kann man sich eine schwarze Konservendose vorstellen usw.

Natürlich ist es wichtig, dass man sich nicht zu viel auf einmal vornimmt.

Verschwenden Sie auch keine Zeit damit, Verknüpfungen für Dinge zu suchen die Sie schon sicher wissen (Spaß macht es natürlich trotzdem 🙂 ).

Um dieses Wissensnetz mit den Jahreszahlen der jeweiligen Amtsantritte zu ergänzen, ist eine 100er Liste sehr hilfreich. Was das ist, erfahren Sie hier (Klick).

Viel Freude beim ausprobieren.

Hagen Glatzle

 

4 comments for “Schneller Lernen durch die aktive Verknüpfung mit Vorwissen. Ein Beispiel

  1. Fatzke
    26. September 2014 at 13:45

    Das ist eine sehr interessante und verständlich erklärte Lernmethode, die ich mir für die Schüler_innen merken werde, die starke Probleme damit haben Regeln und Fakten auswendig zu lernen.
    Leider stört mich an dem Beispiel, dass es sich trotzdem un sinnfreies Lernen handelt. Warum zum Henker sollen Menschen die Namen von Bundeskanzlern lernen sollen, wenn keiner überhaupt weiß, was die Kanzler gemacht und eben keine Verknüpfung zu den Begriffen im Kopf haben? Komplexes Lernen besteht darin den Sinn hinter den Begriffen zu sehen. Bundeskanzlernamen bringen einen überhaupt nicht weiter, denn wirtschaftliche Zusammenhänge werden deshalb trotzdem nicht gesehen.

    Diese Methode eignet sich sicherlich für Vokabeln, mathematische Regeln, etc. herrvorragend. Bundeskanzlernamen kann man so sicherlich auch lernen, aber die Frage bleibt – Wozu? Wenn irgendein_ Lehrer_in oder Professor_in sowas abfragt sollte man den mit Tomaten abwerefn, denn man lernet im Grunde genommen eigentlich so gut wie gar nichts nützliches, was einen irgendwie motiviert, die Welt wirklich zu verstehen und komplexe Sinnzusammenhänge zu sehen.

    Und damit komen wir auch zu dem eigentlichen Hauptproblem. In den Schulen sitzen Schüler_innen, die tausende Tipps für Lernstrategien bekommen, aber keine Ahnung haben, welche Zusammenhänge zwischen bestimmten Themen bestehen. Lernen ohne die Möglichkeit Zusammenhänge zu erkennen ist immer sinnfreies lernen.

    • 3. Dezember 2016 at 13:07

      Sinnfreies lernen kann ich offensichtlich genausowenig leiden wie Sie.

      Meinen Sie nicht, dass dieses Beispiel ein super Einstieg dafür ist, sinnvolle Zusammenhänge überhaupt herzustellen? Es ist so unglaublich einfach diese Geschichte mit weiterem Wissen über das Leben und Wirken dieser Bundeskanzler zu ergänzen. Die politische Zugehörigkeit kann super leicht mit Farben ergänzt werden. So ist zum Beispiel der ‚Brand‘, den Willy Brandt verursacht hat, rot – für SPD – und der ‚Kohl‘ von Helmut Kohl Schwarz gepunktet – für CDU. Die Flammen des Willy Brandt Brandes kann weiter mit der Tatsache verbunden werden, dass, als Deutschland gebrannt hat (Nazizeit), Willy Brandt im Exil war, in Norwegen (im Norden – ‚N‘ erinnert an Norwegen – ist es kalt da braucht man Feuer zum Wärmen). etc. etc. Dieses Wissensnetz kann unendlich weitergesponnen werden, um sinnvolle, komplexe Zusammenhänge äußerst effektiv zu lernen – mit Spaß und OHNE büffeln zu müssen!

      Ich hoffe mit dieser kleinen Erweiterung deutlich gemacht zu haben, dass diese Methode sich NICHT nur eignet um mathematische Regeln und Vokabeln zu lernen. Ich zum Beispiel, nutze diese Methode, um die englischen Zeitformen zu unterrichten, die etwas komplexer sind als eine Namensliste. 🙂 Probieren Sie es einfach aus. Lassen Sie Ihre Fantasie walten. Wie sagte schon Albert Einstein „Phantasie ist wichtiger als Wissen, den Wissen ist begrenzt.“

  2. 8. Februar 2012 at 09:43

    Hallo Herr Dieter,

    vielen Dank für Ihre Nachricht.
    Ihr Blog bietet ebenfalls interessante Anregungen.

    Beste Grüße
    Hagen Glatzle

  3. 3. Februar 2012 at 20:56

    Hallo Herr Glatzle,

    das ist ein sehr interessanter Artikel. Ich werde Ihn gleich in meine Favoriten speichern. Vielen Dank

    Gruß
    Stefan Dieter

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