Das Gehirn bildet allgemeine Regeln (z.B. englische Grammatik) ganz von selbst.

GeCopyright Fotolia_15292573_XShirnforscher Professor Dr. Dr. Manfred Spitzer vom Transferzentrum für Neurowissenschaft und Lernen in Ulm erzählt in seinen Vorträgen immer wieder folgendes Beispiel (verkürzt nacherzählt), um deutlich zu machen, wie wichtig häufig wiederholte Erfahrungen für erfolgreiches Lernen sind.

Stellen wir uns vor, unser Gehirn ist ein verschneiter Park. Im Park steht ein Glühweinstand und viele Personen bedienen sich am Glühwein. Etwas entfernt steht ein Toilettenwagen und am Abend kann man sehr schön erkennen, dass eine deutliche Spur entstanden ist vom Glühweinstand zum Toilettenwagen. Am nächsten Tag ist dieser Glühweinstand geschlossen aber ein paar Stände weiter hat ein neuer Glühweinstand aufgemacht. Was meinen Sie, stapfen die Menschen vom neuen Glühweinstand durch den hohen Schnee zum Toilettenwagen oder machen sie einen kleinen Umweg um auf der schon bestehenden Spur unbeschwerlicher zum Toilettenwagen zu gelangen? Ihr Blick von oben auf den Park bestätigt, dass keine neue Spur angelegt wurde und dass die alte Spur nun benutzungsabhängig wesentlich deutlicher zu erkennen ist als am Vortag.

Durch Wege die immer und immer wieder begangen werden (wiederholte Erfahrungen) entstehen also im Gehirn gebrauchsabhängige Spuren.

Für erfolgreiches Lernen bedeuten dies, dass das Gehirn zwar viele Einzelimpulse verarbeitet, aber nur das langfristig verankert, was häufig wiederholt wird. Um es mit den Worten von Professor Spitzer zu sagen:

„Das Gehirn speichert nicht Kleinkram sondern allgemeine Regeln.“

Was er damit meint erklärt er mit den Regeln der deutschen Grammatik. Unser Gehirn wendet die Regeln der deutschen Grammatik an, ohne dass wir erklären können wie diese Regeln lauten.

Ein Beispiel von Prof. Spitzer: Verben die auf ‚iren‚ enden werden im Partizip Perfekt ohne ‚ge‚ gebildet. Haare werden also geschnitten aber der Bart wird nicht gerasiert, wir sind gelaufen aber nicht gespaziert. Dass wir diese Regel auch für Verben anwenden die es nicht gibt, beweist, dass das Gehirn die zugrundeliegende Regel gespeichert hat und nicht eine Exeltabelle der Verben. Aus „patieren“ machen selbst kleine Kinder „patiert„, nicht gepatiert, und aus „quangen“ wird automatisch „gequangt“ und nicht etwa quangiert.

Durch unzählige Beispiele generiert das Gehirn also die zugrundeliegende Regelhaftigkeit ganz von selbst

„Das Gehirn kann gar nicht anders und tut nichts lieber und macht nichts anderes … als aus vielen Beispielen den Gebrauch der Beispiele selbst zu generieren.“ Prof. M. Spitzer

Was ist nun vom Lernen der englischen Grammatik zu halten, …

… wenn das Gehirn sowieso nichts lieber tut als durch viele Beispiele ganz von allein die Regeln zu generieren?

Grundsätzlich muss unterschieden werden zwischen einem noch jungen Gehirn und dem eines Erwachsenen. Das Gehirn eines Babys hat keine andere Chance, als die Regelhaftigkeit einer Sprache (Grammatik) durch häufig gehörte Beispiele zu lernen. Die Strukturen der Regelhaftigkeit einer Sprache müssen sich erst bilden. Das kostet Zeit.

Das Gehirn eines Erwachsenen lernt die Regelhaftigkeit einer Sprache ebenfalls am natürlichsten auf diese Art und Weise. Aber da die Strukturen der Regelhaftigkeit (Grammatik) der Muttersprache (oder einer schon gelernten Fremdsprache) schon vorhanden sind, ist es dem Erwachsenen möglich, diese strukturiert zu nutzen, um eine weitere Sprache noch schneller zu lernen als ein Kind.

Ein Beispiel: Ein 6-monatiger Aufenthalt in Sidney, Australien, ermöglicht einen recht guten Spracherwerb, auch ohne sich explizit mit dem Lernen der englischen Grammatik zu beschäftigen. Durch die zusätzliche Beschäftigung mit der Struktur der Sprache (englische Grammatik) ist es dem Erwachsenen aber möglich, die englische Sprache noch schneller zu beherrschen.

Fazit: Das Lernen der englischen Grammatik ist alles andere als überflüssig

Die Beschäftigung mit der Grammatik kann eine große Hilfe sein eine Sprache schneller besser zu beherrschen.

Falsche Formel: Sprache Lernen = Grammatik büffeln

Leider habe ich aber den Eindruck, dass folgende Formel für viele Lehrkräfte und Sprachschüler zutrifft: Sprache lernen = Grammatik und Vokabeln büffeln. Die Formel sollte eher heißen: Sprache lernen = viele motivierende, die Regelhaftigkeit deutlich machende und interaktive Beispiele, die dem sehr wichtigen, aber meist ‚unsichtbaren‘ Skelett (Grammatik) ein praxistaugliches und attraktives Äußeres verleihen.

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Beste Grüße

Ihr Hagen Glatzle

P.S. Ein interessantes Bildungskonzept zum Erlernen von Fremdsprachen, die der Maxime folgt „Vokabeln büffeln verboten. Grammatik nur wer will“ finden Sie hier:

Quelle: Geist & Gehirn, DVD mit Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, © 2006 Auditorium Netzwerk: www.auditorium-netzwerk.de

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1 comment for “Das Gehirn bildet allgemeine Regeln (z.B. englische Grammatik) ganz von selbst.

  1. 4. April 2011 at 22:19

    Die Manfred-Spitzer-Reihe, die man auch hier in Net auf den Seiten des BR anschauen kann, ist wirklich toll und bestätigt deine Beiträge. Schöner Blog.

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