Gespeichertes Wissen kann nicht nicht genutzt werden.

Wie im Artikel Was geschieht im Gehirn beim Lernen? schon festgestellt, definieren Ähnlichkeit und Häufigkeit der eingehenden Impulse die Anzahl der Neuronen, die für eine impulsauslösende Erfahrung zuständig sind. So ist z.B. eine Neuronenansammlung für Farben, eine andere für Gesichter und wieder eine andere für Zahlen zuständig. Um sich die Funktion dieser Areale besser vor Augen zu führen, kann man sich diese Neuronenansammlungen auf unterschiedlichen Ebenen vorstellen. Ganz unten befindet sich zum Beispiel die Ansammlung für einfache Pixelabbildungen. Wenn nun die höher liegenden Areale für Formen und Farben ebenfalls aktiviert werden, kann einer einfachen Pixelansammlung komplexere Bedeutung begemessen werden. Man sieht z.B. auf einmal eine Kuh wo vorher nur Pixel zu sehen waren.

Dass diese Gehirnareale unser Denken beeinflussen, macht folgendes Experiment deutlich. Suchen Sie in folgender Darstellung die Zahl 8 heraus.

2 5 4 6
9 1 7 3
6 4 9 1
1 3 C 4
5 7 1 2
2 8 5 9

Das ist gar nicht so einfach und dauert länger als den Buchstaben C zu identifizieren. Was ist geschehen? Zwei Areale wurden gleichzeitig aktiviert, wobei das Areal für Buchstaben nicht viel zu tun hatte. Das Areal für Zahlen hingegen erhielt wesentlich mehr Input. Das Identifizieren von einzelnen Zahlen dauerte entsprechend länger.

Das folgende als Stroop Test bekannte Experiment zeigt unter anderem, dass diese Gehirnareale in unterschiedlichen Zeitabständen aktiviert werden, abhängig von der Häufigkeit des Inputs und dass es unmöglich ist gespeichertes Wissen nicht zu nutzen.

Nennen Sie bitte die Farben der einzelnen Worte.

grün, gelb, orange, blau, rot, schwarz, rot, gelb, grün

Das ist einfach.

Nun nennen Sie bitte noch einmal die Farben folgender Worte

gelb, orange, blau, rot, grün, gelb, grün, blau, orange

Schon schwieriger, oder?

Was ist geschehen? Ihr Gehirnareal, welches für das Lesen zuständig ist, wurde vor dem Areal aktiviert das für die Farben zuständig ist. Ihr Gehirnareal, welches für Farben zuständig ist, wurde erst aktiviert als Sie das Wort schon längst gelesen hatten. Da die Areale, die für Farben zuständig sind, erst später aktiviert werden, stört die Schriftfarbe beim Lesen überhaupt nicht. Wenn aber die Farbe benannt werden soll, stört die durch häufigeren Input schneller aktivierte Lesefähigkeit sehr.

Was ist daraus zu schließen?

  1. Es ist unmöglich, gespeichertes Wissen nicht zu nutzen. Wir haben z.B. so gut lesen gelernt, dass es unmöglich ist ein Wort zu betrachten ohne es zu lesen.
  2. Wissen, das häufiger genutzt wird, wird schneller / früher abgerufen als Wissen, das weniger häufig genutzt wird.

Für die Praxis bedeutet dies unter anderem, dass der Lernerfolg steigt, wenn es gelingt, neue Lerninhalte mit schon vorhandenem Wissen zu verknüpfen. Wie kann das geschehen?

Hier ein Beispiel aus dem Sprachunterricht. Wir wollen uns das englische Verb suffer = leiden merken. Wie kann nun suffer noch deutlicher mit Ihrem Vorwissen verknüpft werden? Teilen Sie zum Beispiel suffer in die Ihnen auf Deutsch bekannten Worte Suff und er und schon steigt die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich später an die Bedeutung von suffer erinnern. Um die Übersetzung noch besser zu verankern, stellen Sie sich eine Szene vor mit z.B. folgendem Inhalt: „Nach dem Suff leider er, nicht sie.“

Die Wahrscheinlichkeit, dass Sie sich auch noch nach Tagen an die Bedeutung von suffer erinnern, ist nun wesentlich höher, als wenn Sie diese Vokabel nicht mit Ihrem schon gespeicherten Vorwissen verknüpft hätten.

Der meines Erachtens wichtigste Grundsatz für erfolgreiches Lernen besteht darin, dass es für das Gehirn ein Kinderspiel ist, sich an häufig genutztes Wissen zu erinnern – in unserem Beispiel die deutschen Begriffe suff und er. Nun gilt es möglichst nachvollziehbare Verknüpfungen mit neuen Lerninhalten herzustellen – in unserem Beispiel mit suffer – und schon gelingt das Lernen erstaunlich leicht, schnell, mit Spaß und wesentlich nachhaltiger.

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Ich wünsche viel Spaß beim erfolgreichen lernen 🙂

Hagen Glatzle

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