Kann Intelligenz gelernt werden?

Was ist Intelligenz?Antworten auf Fragen zur Intelligenz

„Intelligenz ist die Fähigkeit Probleme zu lösen.“

So definiert Professor Spitzer in seinem Buch Medizin für die Bildung- Ein Weg aus der Krise den Begriff Intelligenz.

Intelligenz ist also die Fähigkeit eine Situation zu Analysieren, zu verstehen und durch die entsprechenden Schlussfolgerungen richtig zu Handeln, um ein Problem zu lösen.

Die Geschwindigkeit, mit der eine Lösung gefunden wird und die Qualität der durchgeführten Problemlösung kann gemessen und mit einer Ziffer (IQ) ausgedrückt werden.

Spitzer zieht die Konfektionsgröße als Vergleichsgröße zum gemessenen Intelligenz Quotienten (IQ) heran. Die Konfektionsgröße ist nichts weiter als das Korrelationsergebnis vieler statistisch erfasster Einzelmaße wie Bein- und Armlänge, Hals- Brust- und Hüftumfang, usw.

In ähnlicher Weise ist der IQ lediglich das Korrelationsergebnis vieler statistisch erfassten Einzelproblemlösungen.

Konfektionsgröße und IQ sind also zunächst nur künstlich geschaffene Größen zur einfacheren Gruppierung / Klassifizierung.

Kann Intelligenz gelernt werden?

Obiger Vergleich lässt die Frage zu, ob die Konfektionsgröße vererbt ist oder beeinflusst wird von einem mehr oder weniger sportlichen oder gesundheitsbewussten Lebensstil.

In ähnlicher Weise ist diese Frage auch für den IQ berechtigt. Ist Intelligenz (Fähigkeit zur Problemlösung) vererbt oder das Ergebnis eines umweltbedingten Lernprozesses?

Ausführlich beschreibt Spitzer die Schwierigkeiten der Wissenschaft diese Frage zu beantworten und kommt zum Schluss, dass IQ in etwa zu 50% Veranlagung und 50% durch die ‚Umwelt‘ gebildet wird.

Professor Gerhard Roth macht in seinem Buch Bildung Braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt deutlich:

„… die Ausbildung der Intelligenz ist keine bloße ‚Reifung‘ angeborener Fähigkeiten, sondern hängt erheblich von ihrer Förderung ab, insbesondere in frühen Jahren.“

In welchem Alter wird Intelligenz gelernt?

Zahlreiche Untersuchungen, insbesondere Adoptionsstudien zeigen, dass Kinder, die in „guter Umgebung“ aufwachsen, im Erwachsenenalter einen höheren IQ (Fähigkeit Probleme zu lösen) aufweisen als andere.

Sehr bedeutend ist die Beobachtung, dass je früher ein Kind in eine „stimulierende Umgebung“ kommt, desto höher ist der positive Effekt dieser Maßnahme auf seine Entwicklung.

So wirkt sich eine Adoption vor dem 2. Geburtstag besser auf die kognitive Entwicklung eines Kindes aus, als eine spätere Adoption.

Bei Adoption nach dem 4. Lebensjahr wirkt sich z.B. die für das Kind stimulierendere Umwelt der Adoptivfamilie vergleichsweise gering auf die Sprachentwicklung aus. Dies kann sich langfristig auf die Lesefähigkeit auswirken, was sich sowohl auf die schulische Leistung als auch auf die Chancen im Beruf auswirkt.

Wie wird Intelligenz gelernt?

Eine britische Studie zeigte, dass die „Qualität“ des Elternhauses (besonders die Bildung der Mutter), Kindergärten und Grundschulen einen hohen Einfluss haben auf die Leistung der Kinder im Fach Mathematik am Ende der 4. Klasse.

‚Qualität‘ wird aber nicht mit dem frühen Büffeln von Mathematik gleich gesetzt, sondern mit der sehr frühen Aneignung einer positiven Haltung gegenüber Bildung und Kompetenz, sowie Persönlichkeitsmerkmalen wie Ehrgeiz, Sorgfalt, Ausdauer und Fleiß.

Diese Merkmale werden zum großen Teil durch die vorbildhafte Einstellung der Bezugspersonen (Eltern, Erzieher, Lehrer) gelernt.

Es geht also nicht um die möglichst frühe gezielte Förderung von einzelnen Wissensgebieten. Eine „Gezielte Förderung in den ersten drei Lebensjahren erweist sich“, laut Professor Roth, “als nutzlos oder gar schädlich.“

Die wichtigsten Umweltfaktoren um Intelligenz zu lernen sind laut Roth:

„eine positive Bindungserfahrung, ein sensorisch und kognitiv stimulierendes frühkindliches Umfeld [z.B. mit dem Kind wird gesprochen, gespielt und ihm vorgelesen] und die Ermutigung durch die Eltern.“

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass Intelligenz geformt wird durch frühkindliche Erfahrungen, die dem Kind „eine positive Einstellung zu sich selbst und eine neugierige Einstellung zur Welt“ vermitteln.  Dabei spielt die gesamte Umwelt des Kindes eine wichtige Rolle (Elternhaus, Kita, Grundschule). (Spitzer)

Ist das Lernen von Intelligenz zu teuer?

„Zur Überraschung der beteiligten Wissenschaftler … zeigten auch die PISA-Ergebnisse, dass jedes Jahr, das ein Kind im Kindergarten verbringt, einen positiven Effekt auf die Schulleistung im Alter von 15 Jahren hat.“ (Spitzer) (Dieses Ergebnis trifft besonders für die Kinder zu, die aus bildungsfernen sozialen Hintergründen stammen.)

Die Auswirkungen einer qualitativ hochwertigen frühkindlichen Erziehung (Familie, Kita, Grundschule) auf den späteren Lebenserfolg vergleicht Spitzer mit den Auswirkungen von Medikamenten auf die Gesundheit:

„Wegen der Stärke der Auswirkungen des Rauchens auf die Wahrscheinlichkeit des Auftretens von Lungenkrebs von ca. 38% wurden Gesetze geändert und teure Kampagnen durchgeführt.

Der Zusammenhang liegt im gleichen Größenbereich wie die bildungsrelevanten Effekte von Elternhaus, Kindergarten und Grundschule.

Noch bedeutsamer ist vielleicht die Tatsache, dass wir im medizinischen Bereich selbst dann Milliarden ausgeben, wenn die Maßnahmen wesentlich kleinere Effekte haben. … Niemand käme auf die Idee, diese Medikamente aufgrund ihrer geringen Effekte nicht zu geben.

Maßnahmen zur frühkindlichen Bildung haben deutlich größere Effekte. Aber ihre Implementierung ist uns zu teuer“.

Das sollte nicht so bleiben. Oder?

Ich freue mich auf Ihren Kommentar.

Beste Grüße

Hagen Glatzle

Quellen:

Manfred Spitzer: Medizin für die Bildung – Ein Weg aus der Krise. Heidelberg, Spektrum Verlag 2010

Gerhard Roth: Bildung braucht Persönlichkeit – Wie Lernen gelingt. Stuttgart, Klett-Cotta Verlag 2011

5 comments for “Kann Intelligenz gelernt werden?

  1. 13. Oktober 2011 at 10:11

    Ich denke, die meisten Argumente zu einer Intelligenz, die man lernen kann, unterliegen einem fundamentalen Irrtum, denn Intelligenz ist genau das, was nicht dem Lernen unterliegt. Das hängt auch damit zusammen, dass man die Leistung in einem Test mit der Fähigkeit selber verwechselt. Das zentrale an Intelligenz ist gewissermaßen die Obergrenze dessen, was in einem Intelligenzbereich erlernt werden kann – das Plafond der Leistungsfähigkeit. Bei guten Intelligenztests wird das durch Übungsphasen erreicht.

    • 14. Oktober 2011 at 12:47

      Hallo Werner,

      Vielen Dank für Ihren Kommentar und die ausführlichen Informationen zum Thema, auf die Sie verlinken.

      Wenn ich Ihren Kommentar richtig verstanden habe meinen Sie, dass jeder Mensch ein festgesetztes Limit an Intelligenz (Problemlösungsfähigkeit) besitzt. Das Ausschöpfen dieser „Obergrenze“ aber ermöglicht wird durch das Erlernen und Anwenden von Fähigkeiten Probleme zu lösen („Übungsphasen“).

      Beste Grüße

      Hagen Glatzle

  2. 27. Mai 2011 at 14:18

    Sehr spannendes Blog.
    Wenn wir einmal begreifen, wie Lernen funktioniert, müsste die Schule ja eigentlich revolutioniert werden.
    Ebenso wichtig wie der IQ ist aber auch der EQ. Sozial „richtiges“ verhalten beeinflusst ebenso die Lernmöglichkeiten. Wir kennen Beispiele von sehr intelligenten Kindern, die in ihrer Schulklasse nicht klarkommen und dadurch schlechter lernen. Es ist immer ein Zusammenspiel verschiedener Aspekte.

    • 31. Mai 2011 at 22:57

      Hallo Julia,

      vielen Dank für Ihren Kommentar. Ja, Lernen ist ein sehr spannendes Thema. Im Bildungsbereich stehen uns tatsächlich einige Veränderungsprozesse bevor.

      IQ und EQ deuten meines Erachtens lediglich auf unterschiedliche Schwerpunkte der Intelligenztests hin. Bei der Bezeichnung IQ wird die allgemeine Intelligenz gemessen und bei der Bezeichnung EQ geht es spezifisch um emotionale Problemlösungen (Kompetentes soziales Verhalten). Beide sind ein Versuch die Fähigkeit Probleme zu lösen in greifbare und vergleichbare Einheiten zu bringen.

      Grüße
      Hagen

      • 3. Juni 2013 at 16:35

        Hallo Hagen,

        was ist Intelligenz? Leider existiert bisher keine Definition. Alles andere sind pseudowissenschaftliche – bestenfalls „plausible“ – Beschreibungsversuche. Aus diesem Grunde gibt es bisher auch keine Grundlagenforschung für die sog. „Lernschwäche“, auf die die Vielzahl von Analphabeten (7,5 Millionen) und Dyskalkulikern (5 Millionen) in Deutschland zurückzuführen ist. Auf meine Anfrage hin hat Frau Prof. Dr. Allmendinger im WZB (Wissenschaftszentrum Berlin) eine Expertise von drei Wissenschaftlern Ihres Hauses anfertigen lassen. Ergebnis: Grundlagenforschung existiert für den Bereich „Lernschwäche“ nicht. Bereits ab 1990 habe ich im Rahmen einer Langzeitforschung gemeinsam MIT dem Forschungsgegenstand „KIND“ erfolgreich versucht, den Begriff „Mathematikschwäche“ zu definieren. De Definition lautet: „Mathematikschwäche“ ist „Decodierungsschwäche“. Wer sich dafür interessiert, den lade ich ein auf meine o.g. Website.
        Zusammenfassend habe ich festgestellt, dass JEDE Wahrnehmung gehirnseitig „entschlüsselt“, also decodiert werden MUSS, sonst verbleibt zum Beispiel das BILD eines Gegenstandes nur auf der Netzhaut – es gelangt also nicht in jene Bereiche, den wir „verstehen“, „erkennen“, „lernen“ usw. nennen.
        Die Analyse beliebiger Intelligenztests hat nun ergeben, dass JEDER Test den Weg von der WAHRNEHMUNG (visuell, auditiv, motorisch-taktil) bis hin zur gehirnseitigen DECODIERUNG nehmen muss.
        Das bedeutet, dass jeder Intelligenztest ebenfalls nur dann „bestanden“ wird, wenn eine möglichst hohe Decodierungsfähigkeit gegeben ist. Anders formuliert: Intelligenz MUSS als ein Mass für die Decodierungsfähigkeit definiert werden. Erst dann machen bspw. Begriffe wie „Problemlösefähigkeit“ (allgemein: „Denken“) überhaupt einen Sinn.
        Abschließende zwingende Schlussfolgerung: Die sog „Intelligenz“, also die „Decodierungsfähigkeit“, kann selbstverständlich gravierend gesteigert werden. Aber das ist nicht mit dem Lösen von Kreuzworträtseln oder anderen ominösen Gehirnjogging-Empfehlungen erreichbar.
        Dies alles sind KEINE phantasievoll ausgedachten „Schreibtischkonstrukte“, sondern das handfeste Ergebnis einer „präformativen Didaktik“ – entwickelt UND überprüft mit lernschwachen Schülern einer Sonderschule. Dieses Verfahren habe ich parallel zum ganz „normalen“ Unterricht konzeptioniert – als Sonderschullehrer.

        Freundliche Grüße
        Helmut H e i n z

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