Schnellerer Aufbau von Vorwissen mit Advance Organizer, WELL und kognitiven Landkarten

© Andrei Vorobiev – Fotolia.com

Wie bereits festgestellt, ist Vorwissen das wichtigste Kriterium für den Lernerfolg. An zweiter Stelle liegt Intelligenz und an dritter Stelle Motivation.

In diesem Artikel geht es um Folgendes:

  • Warum Vorwissen eine gute Erklärung ist für unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten.
  • Wie drastisch die Zeit unterschätzt wird, die langsamere Lerner brauchen, um Vorwissen aufzubauen.
  • Um eine Lehrmethode, mit der die Lerngeschwindigkeit der langsameren Lerner gesteigert werden kann, ohne die Schnelleren zu langweilen.

Einzigartiges Vorwissen: Grund für unterschiedliche Lerngeschwindigkeit

Strukturen des Vorwissens beginnen, sich schon vor der Geburt zu formen. Das Gehirn wird mit zunehmendem Alter ‚erschlossen‘ und durch Erfahrungen ausgebildet und vernetzt.

So entstehen hochkomplexe und zugleich völlig einzigartige Gedächtnisinhalte.

Daraus ergeben sich wiederum einzigartige Möglichkeiten der Nutzung und Erschließung dieser Inhalte für den Alltag.

Diese Einzigartigkeit der Gedächtnisinhalte und die Einzigartigkeit der Nutzung dieser Inhalte ist eine gute Erklärung für unterschiedliche Lerngeschwindigkeiten.

Schnelle Schüler lernen bis zu 5x schneller

Schnelle Schüler lernen zum Beispiel bis zu fünf mal schneller als langsame. Wenn beide das Ziel erreichen sollen, muss den Langsameren mehr Zeit gewährt werden. (Wahl)

Dass den Langsameren diese Zeit oft nicht gewährt wird, zeigen Lehrerumfragen. Erfahrene LehrerInnen schätzen, dass langsame SchülerInnen in ihren Klassen maximal doppelt so lange benötigen. (Wahl)

Der Aufbau von Vorwissen geschieht also oft nicht, aufgrund einer Fehleinschätzung der dazu notwendigen Zeit.

Das bringt eine besondere Herausforderung für Lehrende mit sich:

Den Unterricht innovativ und vielseitig zu gestalten, dass auch langsame LernerInnen genügend Zeit haben, das Lernziel zu erreichen und schnelle LernerInnen sich nicht langweilen.

Das Sandwichprinzip als mögliche Lösung

Um diese Herausforderung zu meistern, schlägt Professor Diethelm Wahl von der Pädagogischen Hochschule in Weingarten das Sandwichprinzip vor, versehen mit Advance Organizers, WELL und kognitiven Landkarten (Erklärungen siehe unten).

Was ist das Sandwichprinzip?

Die Unterrichtsgestaltung nach dem Sandwichprinzip basiert auf einem systematischen Wechsel von kollektiven und individuellen Arbeitsphasen. So beginnt eine Schülergruppe z. B. nach der Präsentation des Advance Organizers mit der Arbeitsplanung als kollektive Arbeitsphase. Anschließend folgt eine individuelle Phase, in der sich jeder Lernende alleine mit den zu bearbeitenden Inhalten auseinandersetzt, um dann wieder in einer kollektiven Phase miteinander die neu zu erwerbenden Fachinhalte kritisch zu diskutiere. Quelle: Lehrerfortbildung-bw.de

Was ist ein Advance Organizer?

Ein Advanced Organizer ist eine qualitativ hochwertige, strukturierte und anschauliche etwa 15 Minütige Erklärung der Kerninhalte einer Lehreinheit.

Video zu Advance Organizer

Professor Wahl zeigt in diesem Video (Klick) der Universität Zürich, wie Advance Organizers zum erfolgreichen Lernen beitragen.

Warum sind Advance Organizer sinnvoll?

Lehrpläne schreiben einen bestimmten zeitlichen Rahmen vor. Daraus ergibt sich die Frage, wie die Lerngeschwindigkeit der langsameren Lerner gesteigert werden kann.

Hier spielen Lehr-Strategien, die eine Verknüpfung von neuen Lerninhalten mit Vorwissen ermöglichen, die entscheidende Rolle.

Im Sandwichprinzip haben sich diesbezüglich Advance Organizer sehr bewährt.

Wie profitieren Lernende von Advance Organizers?

Advance Organizer:

  • bietet ein Wissensnetz aus wichtigem Vorwissen (besonders wichtig für Lernende mit wenig Vorkenntnissen)

  • vermittelt ein weitmaschiges Verständnis der Kerninhalte
  • bietet sehr übersichtliche Strukturierung der Lerninhalte

  • bietet konkrete sinnvolle Verankerungsmöglichkeiten von neuen Erkenntnissen und Inhalten

  • hilft während der Erarbeitung der einzelnen Teilthemen, nicht den Überblick über das Gesamtthema zu verlieren

(Im obigen Video beschreibt Professor Wahl u.a. wie ein Advance Organizer für die Relativitätstheorie aussehen kann (ab Minute 24:20).

Zahlreiche Studien bestätigen den Erfolg von Advance Organizer

Folgende Ergebnisse aus über 400 Studien zur Anwendung von „Advance Organizers“ machen deutlich, warum mit Advance Organizers schneller und erfolgreicher gelernt wird (Wahl):

  1. Größerer Lernerfolg in der sofortigen Leistung, im Behalten und im Transfer
  2. Höhere Motivation: Interesse wird geweckt
  3. Bessere Orientierung vor allem dann, wenn selbstgesteuert gelernt wird
  4. Besonders wichtig, wenn die Vorkenntnisse GERING und die Lernkompetenz NIEDRIG ist
  5. Besonders wichtig, wenn die Sachverhalte schwer verständlich sind
  6. Die Konstruktion eines Advance Organizers hat Auswirkungen auf seine Effektivität: Problemstellung, Mehrfachcodierung und entwickelnde Präsentation sind wichtig

Was versteht man unter WELL?

WELL steht für kooperative Lernmethoden des Wechselseitigen Lehren und Lernens.

Phase 1: Lernende werden zu Experten (durch Lehrervortrag und persönliche Beschäftigung mit Lerninhalt)

Phase 2: Austausch von Expertenwissen

Phase 3: Wiederholung und Vertiefung von neu erworbenem Wissen

Was sind kognitive Landkarten?

Unter kognitiven Landkarten wird die visualisierte Wiedergabe von Lerninhalten verstanden. Die bekannteste Form sind Mindmaps.

Grundlegend kann an dieser Stelle zusammengefasst werden:

Lehrmethoden die strukturiertes Vorwissen ‚liefern‘ (Advance Organizer) und es dem Lernenden ermöglichen, neue Lerninhalte mit persönlichem Vorwissen zu verknüpfen (z.B. mittels WELL und kognitive Landkarten), erhöhen die Lerngeschwindigkeit der Langsameren und vertiefen den Lernerfolg allgemein.

 

Quelle: Diethelm Wahl, Ergebnisse der Lehr-Lern-Psychologie (pdf) 8/2006

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.